Dreierlei Kreise
Immer, wenn ein Stück Literatur den Weg auf die Kinoleinwand oder die Mattscheibe findet, stellen Menschen sich die selbe Frage: »Was ist besser, das Buch oder der Film?« Bei Dave Eggers’ »Der Circle« gibt es noch einen dritten Kandidaten: das Theaterstück.
Im ersten Teil dieses Artikels bleibe ich relativ vage, was den Inhalt und die Kritik daran angeht. Bevor es über das hinaus geht, was der Klappentext schon verrät, bekommt ihr noch mal einen Hinweis.
Hier geht es um die deutschsprachigen Fassungen:
- Das Buch: Dave Eggers: Der Circle, Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, erschienen 2015 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
- Der Film: The Circle, Regie: James Ponsoldt, erschienen 2017, Verleih in Deutschland: Leonine
- Das Stück: Der Circle, Regie und Bühnenfassung: Georg Münzel, Premiere 2025, Altonaer Theater
Als ich letztes Jahr in Hamburg war, habe ich durch Zufall ein Plakat des Altonaer Theaters gesehen. »Der Circle« kam mir irgendwie bekannt vor. Eine kurze Recherche ergab, dass ich den Film wohl schon mal gesehen habe. Dass ich keine wirkliche Erinnerung daran hatte, ist nicht als schlechtes Zeichen zu deuten. Manchmal bin ich halt geistig nicht mehr aufnahmefähig und lasse mich vom Fernseher einfach berieseln. Also habe ich mir die Vorstellung angesehen (ich war seit etlichen Jahren zum ersten Mal wieder im Theater) und hatte einen schönen Abend.
Danach war klar: Erst lese ich das Buch zum Stück, dann schaue ich den Film noch mal und dann vergleiche ich mal. Los gehts...
Worum geht es?
»Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim ›Circle‹, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien [...]«. So beginnt die kurze Inhaltsangabe des Verlags und wer vermutet, dass die Sache doch einen Haken haben muss, liegt natürlich richtig. Es geht um das Leben im Internet-Zeitalter, um Marktmacht und die Folgen.
Uhrenvergleich
Das Buch hat 560 Seiten, der Film eine Laufzeit von ca. 110 Minuten und das Theaterstück eine Spieldauer von 140 Minuten inkl. Pause.
Bedenkt man, dass die ungekürzte Hörbuch-Fassung über 15 Stunden lang ausfällt, wundert es kaum, dass sowohl der Film als auch die Bühnenfassung an vielen Stellen deutlich gekürzt wurden. Dabei sind nicht nur einzelne Szenen dem Rotstift zum Opfer gefallen, es wurden auch ganze Figuren unterschlagen. Diese spielen zwar – auf die Gesamthandlung bezogen – keine tragenden Rollen, sie bieten aber an einigen Stellen einen Einblick in die Gedankenwelt der Protagonistin, der den Zuschauerinnen und Zuschauern vorenthalten bleibt.
Ich persönlich finde allerdings nicht, dass dies zwingend negativ ist. Die eine oder andere Darstellung im Buch rückt die Figur der Mae in eine Ecke, in der ich sie nicht unbedingt sehen würde. Manchmal wird das Klischee mir doch etwas zu plakativ.
Insgesamt sind die Kürzungen für die Leinwand mit denen, die für die Bühne vorgenommen worden, vergleichbar. Die Bewertung des vorigen Absatzes gilt also für beide Fassungen.
Abzweigungen
Gerade der Film weicht mit zunehmender Dauer inhaltlich immer weiter vom Buch ab. Nicht immer ist das auf die erforderlichen Kürzungen zurückzuführen. Einige Entwicklungen erwecken eher den Eindruck, dass sie mit der Vermarktung zusammen hängen dürften.
Die Theaterfassung unterlässt zumindest die Änderungen, die den Film in meinen Augen deutlich abwerten.
Erstes Fazit
Das Buch wird – in meinen Augen – zurecht gelobt. Wer es noch nicht gelesen hat, sollte bald in die Buchhandlung seines oder ihres Vertrauens gehen und sich ein Exemplar sichern.
Auch die Theaterfassung kann ich guten Gewissens empfehlen. Sie erreicht zwar nicht die Tiefe, die das Buch bietet, ist aber dennoch eine gute Abendunterhaltung. Laut der Seite Gastspiele Hamburg wird es im März 2027 erneut Aufführungen geben.
Der Film ist, wenn man das Buch nicht kennt, solala; zum sich-berieseln-lassen geht es. Kennt man das Buch oder will man inhaltlich folgen, fallen die Schwächen, die sich aus der Kürzung und der inhaltlichen Bearbeitung ergeben, deutlich auf.
Das Buch: Maß aller Dinge
Natürlich gibt das Buch die Erwartungshaltung vor, schließlich sind alle anderen Formate, die in diesem Artikel besprochen werden, davon abgeleitet.
Die Charaktere sind schlüssig, die Handlung auch. Der Text bietet, zumindest für mich, eine gute Grundlage für ein ordentliches Kopfkino. Ob alle Szenen wirklich nötig sind oder nicht, kann man diskutieren. Manche Kürzung, die für Film und Theater vorgenommen wurde, dürfte kaum auffallen.
Insgesamt ist dies die schlüssigste Fassung, auch wenn mir manches beim Lesen nicht so ganz klar geworden ist. Das Annie irgendwann nicht mehr auftaucht, fällt irgendwann auf. Der Grund dafür wird, wenn überhaupt, nur angedeutet.
Die Bearbeitung: Was fehlt?
Eine Person, die es aus dem Buch nicht auf die Bühne oder die Leinwand geschafft hat, ist Francis, mit dem Mae eine Beziehung eingeht. Die dazugehörigen Szenen hätten dazu geführt, dass der Film keine FSK-12-Freigabe bekommen hätte. Und gerade die komplette Kürzung finde ich einerseits problematisch, andererseits aber auch irgendwie gut. Problematisch ist die Entfernung von Francis und allem, was er tut, weil darauf ein Teil von Maes Überzeugungen aufbaut. Er verbindet sie mit dem Unternehmen und seine Arbeit bekräftigt sie, mit den Zielen des Unternehmens übereinzustimmen. Andererseits lässt die Beziehung Mae leichtgläubiger erscheinen, als es mir angemessen erscheint. Eine gewisse Naivität kann man ihr in allen Fassungen nicht absprechen – mit 24 Jahren ist das auch keine Schande. Mir erscheint das jedoch etwas zu plump konstruiert.
Die anderen Kürzungen sind zu verschmerzen. Sie tragen nichts entscheidendes zur Handlung bei sondern unterstützen meist nur die Charakterisierung der einzelnen Figuren.
Das Theaterstück: Minimalismus
Die Inszenierung im Altonaer Theater nutzt ein einfaches Bühnenbild: ein schwarz ausgehängter Hintergrund mit einer kreisrunden Projektionsfläche, drei rollbare Kreissegmente als Sitz- und Trenn- und Bewegungsmöglichkeit und ein ständig mit Laptop am Bühnenrand stehender VJ/DJ; dazu nur ein paar einfache Requisiten. Auch hier ist die Phantasie gefragt. Die futuristische High-Tech-Umgebung muss man selbst im Kopf ergänzen.
Inhaltlich bleibt man dem Original weitestgehend treu. Die Dystopie bleibt dystopisch; es wird nicht alles gut, nur weil der Vorhang fällt.
Der Film: Final vergeigt
Die Optik passt, die Besetzung ist hochkarätig, eigentlich sind das gute Voraussetzungen, um einen guten Film zu machen.
Die Kürzungen tun dem Film nicht mehr oder weniger weh als dem Theaterstück. Die inhaltlichen Bearbeitungen sind jedoch deutlich schmerzhafter. Der Film unterschlägt beispielsweise völlig, dass sich Circle-Mitbegründer Ty sich Mae gegenüber bis kurz vor Schluss als „Kalden“ vorstellt und seine Identität zu verschleiern sucht. Gerade dieses doppelte Spiel macht einen großen Reiz des Buches aus.
Wirklich schlimm ist das Ende des Films. Der Circle ist eine Dystopie, das Ende der Freiheit im Internet. Dystopien lassen sich natürlich schlecht vermarkten, vor allem wenn die Realität sich immer weiter der Fiktion annähert. Also hat man ein positives Ende hinkonstruiert, das der Vorlage in keiner Weise gerecht wird und die Geschichte nahezu wirkungslos verpuffen lässt.
Zweites Fazit
Im Ergebnis bleibt es bei dem oben schon Geschriebenen:
- Das Buch ist eine empfehlenswerte Dystopie.
- Das Theaterstück ist sehenswert.
- Der Film ist zum Berieseln lassen geeignet, mehr aber auch nicht.
Fragen, Anmerkungen, Berichtigungen? In diesem Blog gibt es leider keine Kommentar-Funktion. Ich freue mich aber über Leserbriefe.